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Zeitzeugengespräch zum Leben in der DDR

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Anlässlich des Mauerfalls vor 26 Jahren hatte der Geschichtsleistungskurs Q3 von Frau Römer am Montag, dem 9.11., eine Zeitzeugin eingeladen, die von ihrem Leben in der DDR berichtete. Die pensionierte Geschichts- und Russischlehrerin Erika Reseck war dafür extra aus Freital bei Dresden angereist. Sie erzählte sehr eindrücklich, wie sie 1946 als Zweijährige mit ihrer Familie aus dem damaligen Sudetenland drei Wochen lang mit einem Viehwaggon, in den 30 Personen gepfercht worden waren, auf die Insel Rügen gebracht wurde. Die Enge, die Dunkelheit und die Angst der eigenen Eltern habe sie bis heute nicht vergessen. Die Familie wurde getrennt, ein Teil wurde in den Westen Deutschlands gebracht. An die Kindheit auf Rügen könne sie sich noch gut erinnern. Anfangs wurden die Vertriebenen argwöhnisch betrachtet und mussten sich „ein Ansehen erst erarbeiten“. Außerdem sei sie „immer hungrig gewesen“, da ihre Familie nicht so viele Lebensmittelkarten erhalten habe wie die ansässigen Familien.

Auch in der Schule, im Studium und im Laufe ihrer Berufsausübung war sie immer wieder der Willkür von Parteifunktionären ausgesetzt. Auf die Oberschule wurde sie zunächst nicht zugelassen, weil sie katholisch ist und weil sie kirchlich heiratete, ihr wurde die Fähigkeit, „Kinder im Sinne des Sozialismus zu erziehen“, abgesprochen. Die Folge war, dass sie Werken, Nadelarbeit und Zeichnen unterrichten sollte.

Anhand mitgebrachter Gegenstände wie dem FDJ-Hemd und ihrem Parteibuch sowie zahlreichen Auszeichnungen für ihre Tätigkeit als Lehrerin hat Frau Reseck ein differenziertes Bild vom Leben in der DDR gezeichnet: Die DDR sei ein totalitärer Staat gewesen, was man schon zu Beginn jeder Unterrichtsstunde merkte, wenn man im Chor „allzeit bereit“ rief. Der Staat habe den Einsatz der Lehrerschaft für den Sozialismus mit Ehrenurkunden ausgezeichnet. Allerdings musste man sich rechtfertigen, sobald man nicht im Sinne der Partei gelehrt oder die Schüler/innen beraten habe. Auch sei sie mehrmals mit IM (inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi) in unangenehmen Kontakt geraten, was sich teilweise erst im Nachhinein herausgestellt habe.

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Bei all den Widerfahrnissen haben sie und ihr Mann, die mittlerweile drei Kinder im Erwachsenenalter haben, weder ihre Hoffnung auf einen menschlichen Sozialismus noch ihren Humor verloren, und so erzählte Frau Reseck auch ein paar Witze, mit denen man in der DDR den eigenen Unmut ausdrückte:

Walter Ulbricht sitzt in der Badewanne und lässt seine Gummiente schwimmen. Auf einmal ruft seine Frau Lotte, die gerade Fernsehen schaut, ganz aufgeregt: „Du Walter, die Mireille Mathieu singt!“ Er: „Wieso, ist das ein Schiff von uns?“

Nach den Lebenshaltungskosten befragt, berichtete Frau Reseck, wie billig das Leben in der DDR grundsätzlich gewesen sei, wenn man nicht besonders wählerisch war. Die oberste Grenze eines Lehrergehalts lag bei 1200,- DDR-Mark. Ein Brot kostete -,86 DDR-Pfennig, 100g Wurst -,90 Pfennig. Kubanische Orangen gab es nur vor Weihnachten und rationiert, ebenso wie das Dresdener Bier, das vornehmlich in den Westen exportiert wurde, um Devisen zu beschaffen. Die Miete für eine Zweizimmerwohnung betrug 24,- DDR-Mark, die dreiwöchigen Ferienspiele für Kinder mit Unterkunft, Verpflegung und Betreuung kosteten nur eine symbolische DDR-Mark.

Überhaupt sei für die Kinder viel getan worden und auch kinderreiche Familien wurden bevorzugt behandelt, etwa bei der Wohnungsvergabe oder in Bezug darauf, dass sie nachmittags keinen Dienst hatte.

Als 1985 Michail Gorbatschow die DDR besuchte und von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) sprach, hatte Frau Reseck erneut auf einen menschlicheren Sozialismus gehofft, so dass sie erst zu diesem Zeitpunkt in die SED eintrat, um die DDR aktiv mitzugestalten. Als Delegierte trat sie noch im Dezember 1989 beim Parteitag der SED für Demokratie und Freiheit ein.

Das Gespräch mit Frau Reseck hat in vielerlei Hinsicht gezeigt, dass Geschichte durch die Lebensgeschichten der Menschen lebendig wird.

ROC