Telefon: 0561 - 77 20 31

Stolpersteine-Patenschaft am FG

Anlässlich des alljährlichen Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus hat der Geschichtsleistungskurs des Friedrichsgymnasiums die europaweite Aktion „Stolpersteine“ unterstützt. Hierbei übernehmen u.a. Schulen Patenschaften für „Stolpersteine“ von Opfern des Nationalsozialismus. Solch eine Patenschaft zur Pflege der „Stolpersteine“ und zum Gedenken an die Personen, an die die Steine erinnern, hat auch das Friedrichsgymnasium. Am 27. Januar 2020 haben wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht, um die Steine zu pflegen und mehr über die Biographien der Opfer zu erfahren. Dazu haben wir mehrere Steine aufgesucht und sie poliert sowie eine Kerze des Gedenkens angezündet. Zudem haben wir eine weiße Rose niedergelegt und kurz geschwiegen in Gedanken an die Menschen, die so ein furchtbares Schicksal erdulden mussten. Jede einzelne Geschichte hat uns persönlich berührt und bewegt.

Besonders berührt haben uns die Geschichten von Alfred Gail, einem Marinefunker aus Kassel, und Dr. Max Plaut, einem Rechtsanwalt und Notar.

Das Schicksal von Alfred Gail ereignete sich, nachdem am 5. Mai 1945 die Teilkapitulation des Deutschen Reiches bereits in Kraft war:

„Als am 5. Mai herauskam, daß Waffenruhe für uns ist, hielt uns unser Kommandeur eine Ansprache und sagte, daß wir sicher dem Tommy übergeben würden. Dieser Gefangenschaft wollten wir ausweichen und flüchteten, um uns irgendwie nach Deutschland durchzuschlagen, um Euch beschützen zu können“

Sie fassten zusammen den Plan, am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang sich von der Truppe abzusetzen, um dann mit einem Boot auf das Festland zu gelangen.Nahe einer Anlegestelle wurde die Gruppe von einer Patrouille bewaffneter Dänen gestellt und zurück nach Svendborg gebracht, wo sie zunächst im Keller der Truppenunterkunft unter Arrest gestellt und nach Verlegung des Batallions in die Geltinger Bucht an Bord des Tenders „Buéa“ eingesperrt wurden. Die Soldaten wurden dem Kommodore der Schnellbootwaffe, Kapitän zur See Rudolf Petersen, übergeben, der die Gerichtsbarkeit über die Soldaten ausübte. Er   berief schnellstmöglich ein improvisiertes Kriegsgerichtsverfahren für den 9.Mai 1945 ein. Den Angeklagten wurde dabei kein juristischer Beistand gewährt, was wiederum verdeutlicht, dass es dem Gericht nur um eine schnelle Urteilsfindung ging. Die Beschuldigten wurden ohne Begründung und Chance auf ein Gnadengesuch zum Tode durch Erschießen verurteilt. Am 10. Mai wurden die Verurteilten an Deck der „Buéa“ durch eine Salve erschossen und anschliessend mit einem Gnadenschuß gerichtet. Die Leichen wurden mit Gewichten beschwert und im Meer versenkt.“

zitiert aus den biographischen Skizzen auf

https://www.kassel-stolper.com/archiv/mahnen-und-putzen/

Berührt an der Geschichte hat uns, dass dieses Kriegsgerichtsverfahren so kurz vor der Bedingungslosen Kapitulation des gesamten Deutschen Reiches noch übers Knie gebrochen wurde und die Beschuldigten zwei Tage nach der Teilkapitulation willkürlich hingerichtet wurden.

Dr. Max Plaut war ein jüdischer Rechtsanwalt und Notar aus Kassel, der sich in seiner Freizeit viel mit Musik beschäftigte, u.a. als Musikkritiker. Er war ein sehr offener Mensch, was ihm bereits 24. März 1933 zum Verhängnis wurde:

„Durch seine offene Art machte er sich schnell Feinde, nicht nur in der Musikwelt, sondern auch bei dem NS-Blatt „Hessische Volkswacht“. Diese veröffentlichte immer wieder Hetzartikel gegen ihn, die mit Erstarken der Nationalsozialisten an Heftigkeit zunahmen. Plaut exponierte sich gegen die Nationalsozialisten und so war klar, dass – spätestens nach der Machtergreifung – auch Plauts Leben in Gefahr war. […] Die antisemitischen Ausschreitungen [steuerten] in jenen Märztagen 1933 in Kassel auf einen Höhepunkt zu: An diesen Tagen wurden von SA-Trupps Kasseler Juden „verhaftet“ und in die „Bürgersäle“ gebracht, um dort im Folterkeller auf bestialische Weise gequält und gefoltert zu werden. Dies geschah mit Wissen des Polizeipräsidenten, der jedoch nichts unternahm. Am Abend des 24. März 1933 etwa gegen 18.00 Uhr holte eine Horde von SA-Leuten Plaut mit Gewalt aus seinem Büro in der Wolfsschlucht und verschleppte ihn in den Folterkeller der „Bürgersäle“. Er wurde in der fürchterlichsten Form über zwei Stunden lang misshandelt. Danach wurde er in seine Wohnung in der Wilhelmshöher Allee 55 verbracht. Sieben Tage später, am 31. März 1933, erlag er seinen schweren Verletzungen, u. a. Quetschungen an Nieren und Lunge. Plaut wurde als erstes Todesopfer der Nazis in diesen gewalttätigen Märztagen symbolhaft im ersten Grab des neuen jüdischen Friedhofs in Kassel-Bettenhausen beigesetzt. An das Schicksal Plauts erinnert eine Gedenktafel in der Oberen Karlsstraße 17 in Kassel, unweit der Stelle, an der sich die „Bürgersäle“ befanden.“

Anhand der Geschichte von Max Plaut ist uns deutlich geworden wie früh bereits mit stärkster Gewalt gegen Juden und Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus aussprachen, vorgegangen wurde. Uns hat schockiert, dass bereits unmittelbar nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, Juden in Deutschland – und Kassel – unter solchen Bedingungen und Ängsten leben mussten.

Julia Abt, Lene Lester, Jahrgangsstufe Q2