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So fern und doch so nah – eine minimal zeitverzögerte Unterhaltung zwischen Russen und Deutschen

An einem Montagmittag, direkt nach unseren Herbstferien, trafen wir 16 Schülerinnen und Schüler der Q3 uns zusammen mit Herrn Mallm, Herrn Stute und Herrn Rehm, der dankenswerter Weise dafür gesorgt hat, dass die Technik bestmöglich funktioniert.

Anlass dafür war ein Projekt der Geschichtswerkstatt unter dem Arbeitstitel „Russisch-Deutsche Versöhnung“. Dieses Projekt wird am Volkstrauertag im Bundestag während der dortigen Sitzung präsentiert werden. Dazu werden sowohl russische Schüler aus unserer Partnerschule in Novy Urengoi als auch wir eine Rede halten. Denn wir deutschen Schülerinnen und Schüler beschäftigten uns mit Biographien und dem Leben sowjetischer Zivilisten und Kriegsgefangener, die in Kassel starben und größtenteils auf dem Zentralfriedhof begraben sind. Die russischen Schülerinnen und Schüler nahmen tausende Kilometer in Kauf, um ebenfalls Gräber deutscher Soldaten, die im Krieg gefallen sind, zu besuchen und mehr über sie herauszufinden.

Um uns vor unserem Treffen in Berlin auszutauschen, haben wir eine einstündige Skypekonferenz mit drei russischen SchülerInnen und ihrer Lehrerin einberufen. Um die sprachliche Barriere zu überwinden, dolmetschten drei Schülerinnen aus der Q2. Vielen Dank dafür!

Nachdem wir uns gegenseitig ein Teil unserer Ergebnisse vorgestellt haben, stellten wir uns Fragen, und es kam schnell zu einem regen Austausch. Dabei stellten wir fest, dass unsere Arbeit an den Biographien weitestgehend ähnlich verlief. So hatten wir alle anfangs mit dem Problem der Informationsbeschaffung zu kämpfen, wobei beide Seiten dankenswerterweise vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterstützt wurden. Außerdem haben wir auch festgestellt, wie ähnlich wir Jugendlichen uns sind. Beispielsweise haben wir fast alle auch einen persönlichen Bezug zu unserem Projekt. Viele kennen noch ihre Urgroßeltern oder Großeltern, die während des zweiten Weltkrieges gekämpft oder hart gearbeitet haben. Einige haben auch mit ihnen darüber gesprochen.

Besonders berührt hat uns, dass die Lehrerin der russischen SchülerInnen erst durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und unser Projekt herausgefunden hat, wo ihr Großvater, der im Krieg starb, begraben ist. Nun hat sie vor, sein Grab zu besuchen.

Unser interessantes Gespräch endete mit einem gemeinsamen Plädoyer für den Frieden. Durch unser Projekt wurde uns klar verdeutlicht, dass jeder Krieg und jeder Konflikt schwerwiegende Folgen für Individuen hat. Es wird vielen Menschen geschadet. Diese Menschen bauen sich selbst ihr Leben auf, so wie wir momentan. Der ganze Aufbau wird durch einen Krieg, indem zum Beispiel man selbst oder ein Mensch stirbt, der einem nahesteht, auf einmal heruntergerissen.

Eine unserer Biographien beschäftigte sich mit einem 17-Jährigen Mädchen aus der Sowjetunion, Nadja Truvanova, die Zwangsarbeit in Kassel leisten musste und während eines Luftbombenangriffes ums Leben kam. Sie war also in unserem Alter, als sie wegen des Kriegs starb. Deswegen finden wir alle, ob russische oder deutsche Schülerinnen, es so wichtig, die Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten, damit wir an alle appellieren können, nie wieder einen Krieg anzufangen. Ein Krieg begräbt unendlich viele Einzelschicksale unter sich.

Lara Müller, Q3