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„Man muss bei jedem Buch ein Risiko eingehen“ – Lesung von Friedrich Christian Delius vor der Jahrgangsstufe Q4

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„Ich wollte nicht, wie andere meiner Generation, gegen meine Eltern ‚losbrettern‘, kein ‚Angriffsbuch‘ schreiben, sondern die Not eines Kindes, das nicht sprachfähig ist, beschreiben – und dies mit einem historischen Ereignis verbinden.“ Einblicke wie diesen ermöglichte der bekannte Autor F. C. Delius einem interessierten Publikum aus ca. 100 Schülerinnen und Schülern der Q4 am Donnerstag, den 4.4.2014. Die Lesung F. C. Delius‘ aus seiner autobiografischen Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994) geht auf die Initiative des Geschichtslehrers René Mallm zurück, der den Kontakt zum Autor über seine Arbeit in der Gedenkstätte Breitenau hergestellt hat. Mallm hatte erfahren, dass Delius‘ Vater FG-Schüler gewesen war. Anlass genug, vorsichtig anzufragen, ob der von ihm hochgeschätzte Autor bereit wäre, dem FG einen Besuch abzustatten.

Auf die Begegnung mit F. C. Delius hatten sich die meisten Kurse des Abitursjahrgangs mit der Lektüre der Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ vorbereitet. Der Text handelt von einem 11-jährigen Jungen, der im hessischen Dorf Wehrda aufwächst, als Kind des Pfarrers. Das Kind stottert und leidet darunter, hat kaum Selbstvertrauen. Selten sei, so erfahren die Zuhörer im Gespräch nach der Lesung, das Schicksal eines stotterndes Kindes so gut beschrieben worden wie in Delius‘ Erzählung, habe die deutsche Stotterliga befunden.

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„Der Sonntag“, das ist der 4. Juli 1954, der Tag, an dem die deutsche Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewann. Der Elfjährige fiebert der Radioübertragung des Endspiels zwischen Ungarn und Deutschland entgegen. Fasziniert lauscht er der Radioübertragung, die er im Arbeitszimmer des Vaters hören darf, irritiert durch das religiöse Vokabular des Radiokommentators Herbert Zimmermann. Verstößt der Reporter nicht gegen das erste Gebot, wenn er den Torwart Toni Turek „Fußballgott“ nennt? Sensible Beobachtungen zur Religion des strengen Vaters, protestantischer Theologie der 50er Jahre, machen einen besonderen Reiz der Erzählung aus. „Wie halten Sie es mit der Gretchenfrage?“ ist dann auch die erste Nachfrage von Schülerseite. Sein Verhältnis zur Religion sei ein kritisches geblieben, „vielleicht“, so Delius, weil „ich in meiner Kindheit eine Überdosis davon bekommen habe“.

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Die Lesung F. C. Delius‘ stieß bei den Schülerinnen und Schülern auf großes Interesse und sein Angebot, Fragen stellen zu dürfen, wurde ausgiebig genutzt. Delius gibt in seiner Erzählung Einblick in Gefühle, die ihn als Elfjährigen bewegt haben – „wie geht man mit dem Preisgeben so persönlicher Gefühle um?“ möchte Lennard wissen. Er habe eine Weile dafür gebraucht, musste 50 Jahre alt werden, um das Buch schreiben zu können. Letztendlich war eine Frage Auslöser für die Arbeit an diesem Buch: „Ich wollte herausfinden, woher mein besonders intensives Verhältnis zur Sprache kommt, dafür musste ich an eine Situation gehen, in der ich nicht sprachfähig war.  Man muss bei jedem Buch ein Risiko eingehen – und man muss scheitern können – und dann versuchen, es möglichst gut zu machen.“

FRI