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Griechisch

Griechisch am FG

Tibor Grote: griechisches Alphabet

Zeichnung: Tibor Grote

„Lernt Griechisch zum Lateinischen, damit ihr, wenn ihr die Philosophen, die Theologen, die Geschichtsschreiber, die Redner, die Dichter lest, bis zur Sache selbst vordringt, nicht ihre Schatten umarmt …“ (Melanchthon Opera: Corpus Reformatorum. Edidit Carolus Bretschneider, Halle 1834ff., Band XI, S. 22)

Das Fach Griechisch wird in Nordhessen für die Schülerinnen und Schüler nur am Friedrichsgymnasium angeboten. Sie wählen es als 3. Fremdsprache im Bereich des Wahlpflichtunterrichts (vierstündig, ab Klasse 8), und zwar alternativ zum Französisch, zu den  Naturwissenschaften oder zum Rudern. Griechisch wird nach Beschluss des Hessischen Kultusministeriums an Altsprachlichen Gymnasien als Hauptfach gewertet. Nach 15 Wochenstunden Griechischkurs (Abschluss Q2) wird das im Abiturzeugnis ausgewiesene Graecum erreicht. Das Graecum wird an den Universitäten in den Fächern Theologie, Latein und Klassische Archäologie verlangt, mitunter in den Fächern Alte Geschichte und Philosophie.

Die Griechischfachschaft am Friedrichsgymnasium ist stark vertreten: Ulla Hintz (Griechisch, Latein, Geschichte), Grit Diaz de Arce (Griechisch, Latein, Musik), Sandor Dieß (Griechisch, Latein, Ethik), Erich Zekl (Griechisch, Latein, Mathematik und Geschichte) und Dirk Sroka (Griechisch, Latein, Geschichte und Religion).

Klassen 8 und 9

In den ersten beiden Lernjahren erfolgt der Unterricht anhand des Lehrbuches „Kairos“ (C.C. Buchners Verlag, Bamberg), welches nach dem Prinzip einer Reise durch das antike Griechenland aufgebaut ist. Kairos bedeutet „rechter Augenblick“. Dieser Titel könnte als freundlicher Wink der Lehrbuchautoren auf zeitgemäßes Erlernen der Sprache und der Kultur des antiken Griechenlands verstanden werden. Krönender Abschluss der zweijährigen Lehrbucharbeit ist das Aufsuchen außerschulischer Lernorte: Zu Beginn der E-Phase wird eine freiwillige Studienfahrt (Dauer 10 bis 12 Tage) nach Griechenland angeboten. Die jeweiligen Griechischkurse wählen, ob sie die Griechenlandfahrt an den Anfang ihrer Einführungsphase oder als abschließende (verbindliche) Studienfahrt in die Q3 (alternativ zur Tutorienfahrt nach Rom) setzen.

Oberstufe E1-2 / Q1-Q4

Studienfahrt Ausgrabungsstätte Mideia 2011, Photo von Karin Völker

Photo: Karin Völker 2011

Die Schüler/innen lesen und diskutieren im Fach Griechisch exemplarisch originale Texte. Bereits in der Einführungsphase werden wirkungsgeschichtlich bedeutsame Texte (z.B. Neues Testament, Fragmente der Naturphilosophie, Texte aus dem Corpus Hippocraticum) übersetzt. Diese Texte fordern die  Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zur Religion, zur Philosophie und zur Gesundheit heraus. In der E2-Phase lesen die Schüler/innen einen frühen Dialog von Platon, z.B. „Die Apologie des Sokrates“, wobei der platonische Sokrates, dessen Methode und Verhältnis zur intellektuellen Gegenströmung der Sophisten sowie dessen Ethik untersucht werden. In den Qualifikationsphasen 1-4 werden die Schüler/innen durch vertiefte Lektüre von Texten aus dem Heldenepos (Homer „Ilias“ oder „Odyssee“), aus der Historiographie (Herodot), aus der Philosophie (Platon) und aus der Tragödie (Sophokles oder Euripides) in die Lage versetzt, die jeweilige Aussageintention des Autors zu verstehen und sachgerecht zu interpretieren.

Genauere Informationen zum Lehrplan Griechisch und zum Abschlussprofil am Ende der Qualifikationsphase finden Sie auf dem hessischen Bildungsserver.

Studientag Universität Göttingen 2012; Photo: Grit Diaz

Photo: Grit Diaz

Jährliche Studientage an der Universität Marburg oder Göttingen vermitteln einen Einblick in das universitäre Leben und bieten die Möglichkeit für wissenschaftspropädeutische Arbeit vor Ort. Außerdem bereichern Exkursionen zu Museen und archäologischen Zentren das schulische Lernen durch originale Begegnungen.

Lesen in der Oberstufenbibliothek Tanja und Melissa

Photo: Grit Diaz

Die Oberstufenbibliothek am FG weist einen beeindruckenden Bestand an einschlägigen Lexika, Textausgaben, Kommentaren und Sekundärliteratur zur Gräzistik auf. Die Schüler/innen nutzen diese Werke rege und schätzen die Dreidimensionalität eines physischen Buches neben der praktikablen digitalen Recherche.

Warum Griechisch?

Das Erlernen der Alten Sprachen und der griechisch-römischen Kultur fasst vor allem die allgemeine Menschenbildung zur Entfaltung eines selbstständigen, selbsttätigen und selbstverantwortlichen Individuums ins Auge. Anhand von griechischen Texten wird das Erlebnis von Ursprungsprozessen vermittelt, nämlich die Entstehung von Fachliteratur (Historiographie, Medizin, Politik) und künstlerischer Literatur (Epos, Lyrik, Drama)  sowie der Philosophie (Naturphilosophie, Ethik). Der Griechisch-Unterricht sucht die kritische Auseinandersetzung mit diesen Texten und bietet eine Grundlage für die Deutung und Bewältigung heutiger Aufgaben und Probleme, im Erkennen der Gemeinsamkeit und des Anderssein von antiker Kultur und unserer Zeit.

Kulturanthropologisches Verstehen

Das antike Griechenland erstreckte sich mit seinen Kolonien und hellenischen Stadtgründungen  über Sizilien hinaus bis in die nördliche Kolonie Marseille, über die heutige Türkei – und wenn wir Alexanders Städtegründungen berücksichtigen – zum Hindukusch, bis nach Ägypten. Griechische Kultur und griechisches Wissen sind ein Konglomerat der gesamten mediterranen Wissens- und Kulturwelt. Hier fließen ägyptische Weisheit und Technik, babylonische Mathematik, altiranische Religion und phönizischer Merkantilismus sowie der reiche Sagenschatz altorientalischer Kulturen zusammen. Daraus wurde geschöpft, und das Geschöpfte wiederum – den Prozessen der Anpassung, Verwandlung und Erneuerung unterworfen – ist zur stärksten Quelle der eigenen, der europäischen Kultur geworden. Es war die erfinderische Ursprungskraft der Griechen, die im 8. Jh. v. Chr. das phönizische Konsonanten-Alphabet in ein griechisches Vokal-Konsonanten-Alphabet verwandelten. Dieses Alphabet schuf die technische Voraussetzung für ein schnelles Erlernen des Lesens und des Schreibens. Es entstand hieraus eine weltweit singuläre, breite Bevölkerungskreise erfassende Schriftkultur, auf deren Basis eine komplexe Wissenswelt entstand,  deren Überlieferung durch neue Papyros-Funde noch heute angereichert wird.

Perspektivisches Wertedenken

Bereits die ersten Originalsätze im Griechischunterricht führen in die Vielfalt griechischer Wissenswelt ein: Philosophie, Geschichte, Staatstheorie, Medizin, Fachliteratur und Dichtung. Die Lernenden erfahren an mythologischen Grundmustern und deren Prototypen menschliche Existenzprobleme, die allesamt zum Nachdenken, zur Diskussion und zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Material anregen. Diese Themen werden in der Oberstufe während der Originallektüre vertieft und erweitert. Das Fach Griechisch vermittelt die Ursprache des Neuen Testaments und erlangt damit eine besondere Bedeutung, denn eine fundierte Exegese der Heiligen Schrift kann nur über fundierte griechische Sprachkenntnisse erfolgen.

Dialogisches Argumentieren

Die Atomisierung des heutigen Menschen und sein verstärkter Rückzug in ein visuelles Kommunizieren birgt die Gefahr, dass die Fähigkeit direkter face-to-face-Kommunikation verkümmert. Daher ist eine Sensibilisierung für solche Texte angezeigt, deren Entstehung den Übergang der mündlichen Kultur zur Schriftlichkeit markiert (homerisches Epos) oder bereits kritisch reflektiert (Platons Schriftkritik im „Phaidros“ und die Dialogtechnik Platons). Die Texte aus homerischem Epos, Tragödie und Philosophie bewegen sich im Spannungsfeld von urbaner, mündlicher Rede und bereits voll entwickelter rhetorischer Technik. Platons Dialoge führen zudem in die Elenktik des Sokrates ein. Das elenktische Verfahren geht von Sätzen (Prämissen) aus, denen beide Gesprächspartner erst zustimmen, um dann aufgrund logischen Zwangs mittels Folgerungen und Erweiterungen zu Ergebnissen bzw. zum Konsens zu gelangen. Diese hohe Kultur der Kommunikation bietet eine konstruktive Alternative zum gängigen antilogischen Verfahren (Prinzip These-Gegenthese bzw. Pro-Contra).

Griechischunterricht und Kompetenzorientierung

Prof. Dr. Stefan Kipf (Didaktik Alte Sprachen an der Humboldt-Universität zu Berlin):

Theaterprojekt: Die Vögel des Aristophanes (Jg. 9)

Photo: Grit Diaz

„Auf der Grundlage dieses Erlebnisses vermittelt der Griechischunterricht durch die Förderung sprachlicher, kultureller und personaler Kompetenzen ein für unsere Gegenwart wichtiges Orientierungswissen mit langfristig wirksamen Qualifikationen, wobei Allgemeinbildung und Studierfähigkeit nachhaltig gefördert werden. Dies ist von besonderer Bedeutung, da in unserem Zeitalter der Dritten Industriellen Revolution spezialisiertes Fachwissen in immer kürzeren Zeitintervallen veraltet. Zudem bietet der Griechischunterricht vielfältige Möglichkeiten fächerübergreifenden und projektorientierten Arbeitens, nämlich mit den Fächern Biologie, Chemie, Darstellendes Spiel, Deutsch, Ethik, Geschichte, Kunst, Latein, Mathematik, Musik, Philosophie, Physik und Religion. Griechisch kann dabei die Rolle eines Integrationsfachs übernehmen, das Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften zusammenführt.“

Dass sich dieser Anspruch auch verwirklichen lässt, zeigen zahlreiche am FG durchgeführte Projekte, z.B. die Philhellenia „Heureka – griechische Technik und Naturwissenschaften“ und eine rege Theaterarbeit.