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„Habe meine Kindheit verloren“ – Schüler des Friedrichsgymnasiums sprachen mit Jehuda Bacon, der das KZ Auschwitz überlebte

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KASSEL. „Wie sollte ich mich von meinem Vater verabschieden?“, fragt der israelische Maler Jehuda Bacon, während 200 Schüler seinen Worten in der Aula lauschen. „Ich wusste ja, dass er ins Gas geht.“ Der Abschied von seinem Vater sei eines der furchtbarsten Erlebnisse im Konzentrationslager (KZ) gewesen. In einer Videokonferenz per Skype teilte der 86-jährige Zeitzeuge gestern seine Erinnerungen an die Zeit in Auschwitz mit Schülern des Friedrichsgymnasiums. Organisiert wurde die Liveschaltung nach Jerusalem vom Leistungskurs Geschichte (Q2).

Die Erlebnisse von Auschwitz seien alle noch in seinem Kopf, erzählt Bacon. „Ich habe meine Kindheit in Auschwitz verloren. Das wird mir immer wieder bewusst.“ Mit 14 Jahren kam er 1944 als Jude ins KZ. „Alle, die unter 16 Jahre alt waren und arbeitsunfähig, kamen nach dem Transport sofort ins Gas“, sagt der 86-Jährige. Bei den eindrücklichen Schilderungen stockt den Schülern immer wieder der Atem. „Im Geschichtsunterricht hören wir sonst nur die Zahlen der Verstorbenen und jetzt sehen wir ein Opfer direkt vor uns. Das ist sehr ergreifend“, sagt die 17-jährige Mariam Noori. Ein Jahr verbrachte Bacon in Auschwitz und musste miterleben, wie sein Vater in die Gaskammer gebracht wurde. „Mein Vater fragte, ob wir zusammen ins Gas gehen wollen. Wir entschieden uns aber dagegen.“ Seine Mutter wurde ins KZ nach Struthof gebracht. Dort habe man sie verhungern lassen, weil sie an Typhus erkrankt war. „Das war zwei Wochen vor der Befreiung“, bedauert Bacon. Die 16-jährige Teslime Karabudak lauschte gespannt den Worten des Zeitzeugen. „Er redet so offen und erzählt alles. Das ist beeindruckend.“ Immer noch im Kopf habe Bacon die Bilder vom Todesgang im Lager, in dem die Häftlinge erschossen wurden. „Ich sah Leute mit Loch im Kopf. Den Anblick habe ich fast nicht ausgehalten.“ Dass er als Kind den Alltag im Lager überhaupt überstehen konnte, habe er dem Zusammenhalt der jungen Häftlinge zu verdanken. „Wir Kinder haben uns gegenseitig unterstützt. Wir waren wie Brüder.“ Trotz der vielen Grausamkeiten habe er aber nie den Glauben an die Menschlichkeit verloren.

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Schulleiter Lothar Schöppner freute sich, dass der Kontakt zu Jehuda Bacon zustanden gekommen ist. Die Begegnungen mit Menschen stünden im Mittelpunkt des humanistischen Schulkonzepts. Bereits vergangenes Jahr erarbeiteten die Schüler ein Heft über ehemalige Kasseler Juden und präsentierten ihre Ergebnisse in einer Ausstellung. Zudem war eine israelische Jugendband an der Schule zu Gast. „Wir sind auf einem guten Entwicklungsweg“, sagt Schöppner. Mittelfristig habe man das Ziel, einen Schüleraustausch zu organisieren.

Quelle: HNA vom 17.02.2016

Autorin: Carolin Hartung

Fotos: Leon Zinserling, Jahrgangsstufe Q2

Emotionen via Skype – Zeitzeugengespräch mit Jehuda Bacon

„Es gibt einen Funken, den jeder in sich trägt. Ohne diesen kann nichts existieren. Es ist ein Funken aus Gutem vielleicht.“

Mit diesem Satz fesselte Jehuda Bacon vergangenen Dienstag während eines Gesprächsforums via Skype aus Israel, das vom Geschichtsleistungskurs der Q2 unter Anleitung von Herrn Mallm, organisiert wurde, die Schüler/innen und Lehrer/innen des Friedrichsgymnasiums.

Jehuda Bacon zeigt mit diesem Satz, dass er noch an das Gute im Menschen glaubt und das, nachdem er mit 15 Jahren nach Auschwitz deportiert wurde und zwei Todesmärsche überlebte. Jehuda Bacon: Ein Jude, der nicht in seiner Vergangenheit gefangen ist, sondern erzählen will, über seine verlorene Kindheit. Alles begann am 28.07.1929, als Jehuda Bacon im mährischen Ostrau geboren wurde. Dort lebte er neun Jahre lang unbeschwert, bis die Deutschen kamen. Bereits im Dezember 1942, im Alter von 14 Jahren, wurden seine Eltern, seine Schwester und er nach Theresienstadt und ein Jahr später nach Auschwitz deportiert. Seine Familie kam in das Konzentrationslager, welches als „Vorzeige-KZ“ für das internationale Rote Kreuz diente. Dort herrschten Ausnahmezustände: ältere Menschen und Kinder wurden nicht direkt vergast, waren jedoch unter gleichfalls unerträglichen KZ-Bedingungen inhaftiert. Die Kinder bekamen ihren eigenen Trakt, direkt neben den Räumen der SS. Für Jehuda Bacon bedeutete dies, dass er durch diese besondere Nähe besonders viel von den Abläufen im Konzentrationslager mitbekam. Die anderen Jungen und er gehörten einer Gruppe namens „Birkenau Boys“ an, die die Zugtiere in Auschwitz ersetzen sollten. Sie transportierten Decken, Essen etc. und dienten so den erwachsenen Gefangenen als Nachrichtenüberbringer. Und beim Überbringen der Nachrichten achteten sie immer darauf, Hoffnung zu schenken. Sie sahen sehr viel Elend und Tod und durften sich an kälteren Tagen in der Gaskammer aufwärmen. Die Kinder wurden allgemein etwas anders behandelt als die Erwachsenen. Auch sie wurden geschlagen und waren immer mit dem Tod bedroht, doch ließen sie bisweilen auch beim Wachpersonal den „Funken des Menschlichen“ auflodern und bekamen so mal eine warme Suppe oder etwas Wurst.

Ihr Wissen wurde ihnen zur großen Last, denn dadurch konnte Jehuda Bacon seinem Vater zum Beispiel bereits Tage vorher die genaue Uhrzeit seines Todes durch das Gas nennen. Er hatte damals die Wahl, mit seinem Vater zu sterben oder weiterhin zu versuchen zu überleben. Er wählte das Leben. Nachdem sein Vater tot und seine Mutter und Schwester auf seinen Rat hin versetzt worden waren, brach er zum ersten Todesmarsch nach Mauthausen auf. Der Marsch war schrecklich und ohne die Hilfe der anderen Kinder hätte er ihn nicht überlebt, denn die Kinder untereinander vertrauten sich noch im Gegensatz zu den meisten anderen Erwachsenen. Sie trugen sich gegenseitig weiter und tauschten ihre letzte Ration Brot gegen eine Tablette Aspirin, wenn das einem Freund helfen konnte. Auch wenn sie fremden Kindern begegneten, scheuten sie sich nie das wenige, das sie besaßen, zu teilen. Doch auch nach diesem Todesmarsch war es mit dem Leid noch nicht vorbei, es folgte ein weiterer, diesmal nach Gunskirchen, bevor Jehuda Bacon am 5. Mai 1945 befreit wurde. Durch die Strapazen ausgezehrt, erkrankte er an Typhus, wie die meisten anderen. Sein Freund und er waren nach dem Krieg auf sich allein gestellt und konnten nur wählen, ob sie sich ins amerikanische oder russische Gebiet schleppten. Zu ihrem Glück liefen sie zu den Amerikanern, da die Russen es zu gut mit den Befreiten meinten und Specksuppe ausschenkten, was die meisten rasch tötete, da ihr Körper derartige Kost nicht mehr gewöhnt war. Im amerikanischen Lager half ihnen ein jüdischer Soldat. Er brachte sie in ein Krankenhaus und anschließend versuchten die beiden Jungen sich nach Österreich durchzuschlagen. Doch, anders als erwartet, stand dort keine Hilfe bereit. Nur ein Mann, den Jehuda Bacon noch heute für seinen gerechten Geist bewundert, hatte an die Kinder gedacht, die aus dem Krieg zurückkehren konnten. Dieser Mann bereitete den Kindern in den umliegenden Schlössern ein Heim und pflegte dort sowohl ehemalige KZ-Kinder als auch ehemalige Hitlerjungen. Er holte Jehuda Bacon und die anderen ins Leben zurück und noch Jahre später trafen sich diese mit ihm. Diese Rettung ermöglichte einen Neuanfang, da Jehuda Bacon erst einmal lernen musste, dass ihm nicht jeder etwas Böses will. Doch er schaffte es und studierte an einer Kunstakademie in Prag und später auch in London und Paris. Anschließend verarbeitete er seine Vergangenheit in seinen Kunstwerken und war als Kunstlehrer tätig. Seine Bilder und seine Aussage wurden im Eichmann-Prozess verwendet, wo er noch Mitleid mit den ehemaligen SS-Männern empfand. Seine Bilder sind bis heute ein wichtiger Teil des Weges zur Erinnerung und Versöhnung. Weil ihm dieser Weg ein sehr großes Anliegen ist, war Jehuda Bacon auch bereit mit den Schülern vom FG zu sprechen. Und das via Skype und auf Deutsch im Alter von 86 Jahren. Diese Bereitschaft und Offenheit berührte uns alle zutiefst. Während der kurzen musikalischen Zwischenspiele der FG-Schüler hatte er ein Lächeln auf den Lippen. Ein Zeichen der Freude und des Glücks, während er über das wohl düsterste Kapitel seines Lebens spricht. Die Begegnung mit Jehuda Bacon hat uns zum Nachdenken angeregt und wird vermutlich von niemandem vergessen werden.

Vielen Dank, Jehuda Bacon, für einen ganz persönlichen Einblick in eine erschütternde Biographie!

Carla von Canstein, Q2

Zum Beitrag der Hessenschau:

http://hessenschau.de/tv-sendung/video-11478.html