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„Die anders rote Fahne“ – Lesung mit Ricarda Bethke

Lesung Bethke klein
Ein besonderes Abschiedsgeschenk von seiner Klasse 9c erhielt der aus dem Dienst scheidende Kollege Hans-Jürgen Knote am 1.07. in der 3. und 4. Stunde. Die Schüler und Eltern seiner Deutschklasse hatten die Idee, sich mit einer Autorenlesung von ihm zu verabschieden. So luden sie eine Autorin ein, die einige Gemeinsamkeiten mit Herrn Knote aufwies: Ricarda Bethke, Jahrgang 1939, in Berlin-Charlottenburg geboren, wuchs wie Herr Knote in Thüringen auf, war Deutschlehrerin bis 1988 und Fachlehrerin für Kunsterziehung. Sie ist verheiratet mit dem Maler und Grafiker Heinrich Bethke, so wie auch Herrn Knotes Lebensgefährtin Künstlerin ist.

Frau Bethke, die ebenso als Autorin von Kinderhörspielen und Verfasserin von Zeitungsessays bekannt ist, stellte ihre 2001 im Fischer-Verlag erschienene autobiographische Erzählung „Die anders rote Fahne“ ihrem Publikum, allen Schülerinnen und Schülern der Klassen 9 sowie ihren betreuenden Lehrern, vor. Die Lesung wurde von Frau Diaz de Arce anmoderiert, da zwischen ihr und Frau Bethke ebenfalls eine Verbindung bestand: Frau Bethke war Frau Diaz‘ Deutschlehrerin in Berlin. So konnte Frau Diaz auch über Frau Bethke sagen, dass sie ein Mensch sei, „der sich jedem öffnet.“

Dieses Gefühl gab sie auch den Zuhörern während ihrer Lesung, in der sie den Schülern gegenüber sehr offen, sympathisch und humorvoll auftrat und ihren Vortrag äußerst lebhaft gestaltete. Sie gab uns einen eindrucksvollen und anschaulichen Einblick in ihr bzw. das Leben ihrer Protagonistin Candida. Vielleicht ist die Namensgebung nicht zufällig gewählt und lässt die Parallele zu Voltaires Helden in seiner Satire „Candide“ zu, denn beide sind auf der Suche nach der „besten aller möglichen Welten“ und beide scheinen sie nicht gefunden zu haben. Diese Sehnsuchtsmetapher zieht sich durch Candidas Kindheit, in der sie unter dem NS-Regime litt, und durch ihre Jugend und Studienzeit in der DDR, die geprägt waren von dem Traum von einer gerechteren Welt, dem Wunsch nach Harmonie, der Suche nach sich selbst und der Erkenntnis, Teil eines repressiven Systems zu sein.

Frau Bethke gab uns an diesem Morgen ein Stück vom Leben, wie es derzeit wirklich war, und traf dabei nicht auf „Mummelgreise, Puppen, eine dumme, geduckte Schülermenge“, wie sie selbstkritisch sich und ihre Mitschüler im Roman von ihrer Lehrerin betiteln lässt, sondern auf aufmerksame, interessierte und fragende Schüler, die vielleicht auch Frau Bethkes Aufruf, „den Bezug zum klassischen Kanon nicht zu verlieren und dieses Kulturgut in sich zu tragen, es zu leben, und nicht zu Fachidioten zu werden“, verstanden haben.

Vielen Dank an Frau Bethke für diese gelungene Lesung und an alle Organisatoren: Frau Hartmann, Herrn Gerwatowski und Frau Kuhn.

KHN